Projektvorstellung
Status und Sprache in Polynesien
Auf Tonga spielt Status eine große Rolle – und drückt sich in Kleidung, Sitzordnungen und immer wieder auch in der Sprache aus.
Svenja Völkel ist Leiterin des Projekts „Sprachliche Statusdifferenzierung in polynesischen Gesellschaften“. Gemeinsam mit Christian Mayer erforscht sie, wie Statusunterschiede in verschiedenen polynesischen Sprachen realisiert werden, um die einfachen Bürger:innen von Chiefs, Göttern und ehemals sogar Sklaven/Kriegsgefangenen zu unterscheiden.
Dieses Interview mit Svenja Völkel ist Teil einer Reihe von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen und Leiter:innen unserer Teilprojekte. Die Reihe gibt Einblicke in laufende Forschungen, zentrale Fragestellungen und persönliche Perspektiven aus dem Sonderforschungsbereich. Weitere Informationen zu den einzelnen Projekten, den Teams sowie zu Publikationen erhaltet ihr über die unten verlinkte Projektseite.
Die Interviews erscheinen hier in gekürzter und redaktionell überarbeiteter Fassung.
Svenja, du forscht als Linguistin zu Statusunterschieden in Polynesien – warum interessieren dich gerade Statusunterschiede?
Die polynesischen Gesellschaften haben eine Sozialstruktur, in der Status eine zentrale Dimension der Humandifferenzierung ist, was sich unter anderem auch in der Sprache ausdrückt. In Tonga etwa heißt es beispielsweise, dass keine zwei Personen den gleichen Rang und Status haben. Es sind stratifizierte Häuptlingsgesellschaften, in denen die Häuptlinge oder auch Chiefs einen hohen gesellschaftlichen Rang haben, sich aber auch untereinander noch weiter im Rang unterscheiden. Auch die Schwester des Vaters hat einen sehr hohen Status. Dieses Statuskonzept beruht in Polynesien auf Mana, also so etwas wie göttliche Energie oder auch Macht, die Personen je nach Abstammungslinie in verschiedenem Maß innewohnt und durch Kontakt auch auf Gegenstände übertragen wird.
Dieser Status wird durch verschiedene Praktiken zum Ausdruck gebracht. Zum einen durch sprachliche Strukturen und Redeweisen, aber auch in vielen anderen Sinnschichten (Verlinkung: https://humandifferenzierung.uni-mainz.de/blog/sinnschichten-des-kulturellen), wie der Sitzanordnung, Kleidung, oder im Gabentausch. Das heißt, das Thema bietet sich auch dafür an, die Interaktionen zwischen den verschiedenen Differenzierungspraktiken zu untersuchen, durch die Statusunterschiede visualisiert und ausgedrückt werden.
Für den Sonderforschungsbereich ist das Thema wichtig, weil zum einen das Status als Differenzierungdimension bisher wenig thematisiert wurde. Und zum anderen trägt das Projekt mit Polynesien eine weitere regionale Perspektive bei. Wer Polynesien nicht kennt, das ist eine Region im Pazifik die sich von Neuseeland bis Hawaii und zur Osterinsel erstreckt und zu der viele kleine Inselstaaten wie Tonga, Samoa, die Cook-Inseln oder auch Französisch Polynesien gehören.
Woran erkenne ich in Tonga, welchen Status jemand hat?
Den Status auf familiärer Ebene würde man bei einer Beerdigungszeremonie beispielsweise an Sitzanordnungen oder an den Aufgaben erkennen, die eine Person ausführt. Ist man in einem statusniedrigeren Verhältnis zu der verstorbenen Person, hilft man bei der Essenszubereitung für die Trauergäste. Die Person am Kopfende des aufgebahrten Verstorbenen steht hingegen in einem besonders statushohen Verhältnis zur verstorbenen Person. Auch die Kleidung macht den Status deutlich: Es gibt Trauermatten, die um die Hüfte getragen werden. Höhere bzw. längere Matten signalisieren niedrigeren Status im Verhältnis zum Verstorbenen. Auf gesellschaftlicher Ebene wiederum werden Statusunterschiede insbesondere im Kava-Zirkel deutlich. Kava ist ein Trank, der mit Zeremonien verbunden ist. Dabei sitzen alle in einem Kreis und die Sitzordnung zeigt den Status der Chiefs untereinander an. Schwierig wird es daher in Tonga, wenn man jemanden trifft und seinen Status bzw. das Statusverhältnis nicht kennt – da kann man sich schnell falsch verhalten. Daher wird der Status insbesondere bei lebensverändernden Events wie Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen und der Ernennung eines Chiefs immer wieder visualisiert.
Wie ordnest du als Außenseiterin dich in diesem Statusgeflecht ein?
Man wird eingeordnet. Als ich neu war, wurde ich als Gast, insbesondere als weißer Gast, in der Sitzordnung häufig sehr nah an die Position der höherrangigen Personen gesetzt. Im Laufe meiner Forschung, also je länger ich da war, bin ich am Tisch immer weiter nach hinten gerückt. Ich bin also von der Position des Gastes auf die Position gerückt, die meinem in die tonganische Gesellschaft eingegliederten Status entspricht. In der Kirche bin ich, als ich das erste Mal im Feld war und noch keine Kinder hatte, zu den jüngeren Frauen gesetzt worden, als ich dann später meine Kinder mitgebracht habe, zu den etwas älteren. Am Anfang meiner ersten Feldforschung wurde oft auch jemand mitgeschickt, wenn ich im Dorf Interviews gemacht habe, damit ich mich nicht unangemessen verhalte.
Wie wird Status sprachlich differenziert?
Polynesien wurde erst spät besiedelt und gilt durch die relative kurze Zeitspanne der Diversifizierung als relativ homogen. Dennoch weisen die etwa 36 polynesischen Sprachen hinsichtlich sprachlicher Statusdifferenzierung deutliche Unterschiede auf.
In westpolynesischen Sprachen wie Tonganisch oder Samoanisch haben sich Register entwickelt, mit denen man den Status der Person, über die man spricht markiert. Im Tonganischen gibt es etwa eigene Lexika, also Wortschätze, wenn man über Chiefs spricht, und noch einmal andere Begriffe, wenn man über Paramount Chiefs bzw. den Monarchen, spricht. Letztere werden sprachlich Göttern gleichgestellt. In früheren Zeiten gab es offensichtlich ein weiteres Statusregister, das Sklaven/Kriegsgefangene herabgestuft hat. Solche Register sind relativ extreme und aufwendige Formen der Statusmarkierung, die es weltweit nur in wenigen Sprachen gibt. den Status bis hin zu den Außengrenzen des Humanen, zu Göttern und Halbgöttern verhandeln, sind auf der Welt relativ einzigartig.
Für uns ist besonders spannend, dass es in Westpolynesien diese sprachlichen Strukturen gibt, in Ostpolynesien, wo der Chief-Status ebenfalls eine hohe gesellschaftliche Relevanz hat, aber nicht. Daher haben wir ein zweites Projekt zum Maori, wo wir sehen wollen, ob zum Beispiel durch die Reihenfolge der Adressierung, unterschiedliche Sprechweisen, Namenstabus oder auch durch unterschiedliche Lexikalisierung Statusdifferenzierung vorgenommen wird.
Das klingt als müsste man für eure Forschung diese Sprachen in all ihren Feinheiten verstehen und sprechen können – wie macht ihr das?
Wir arbeiten mit Muttersprachler:innen und gehen mit diesen auch unsere Sprachaufnahmen noch einmal durch, um zu besprechen, was wir strukturell erkennen und welche Feinheiten darin stecken. Wir leiten also Muttersprachler:innen linguistisch an. Im Tonganischen habe ich zum Beispiel einmal mit einer Enkelin des damaligen Königs zusammengearbeitet. Dadurch konnten wir wertvolle Einblicke in die Registernutzung innerhalb der Königsfamilie erhalten.
Ich bin auch in Kontakt mit tonganischen Linguist:innen, das sind aber sehr wenige, die heute hauptsächlich an Universitäten in Neuseeland arbeiten.
Interview: Friederike Brinker